Text
Ron Ulrich
Illustration
Andrew Thomson

1988 wurde ein Fan des 1. FC Saar-
brücken beim Spiel gegen Schalke tödlich
verletzt. Das Gericht verurteilte einen
Hooligan von Borussia Mönchengladbach.
Der Fall gibt bis heute Rätsel auf

D er Regen fiel unaufhörlich an diesem Mittwochabend. Der 1. FC Saarbrücken spielte im Stadion Ludwigspark in der zweiten Bundesliga gegen Schalke 04 und gewann durch ein Tor in der letzten Minute mit 2:1. Kurz darauf verließ der Saarbrücker Fan Frank Bayer das Stadion. Es war wenige Minuten nach 21 Uhr am 14. September 1988. Er hatte da nicht mehr lange zu leben.

Bayer war zwanzig Jahre alt, arbeitete als Schreiner und wohnte bei seinen Eltern in einem kleinen Ort in der Nähe von Saarbrücken. Er war mit dem Auto angereist, einem weißen Opel Kadett, den er sich erst eine Woche zuvor gekauft hatte. Deswegen habe er an diesem Tag keinen Alkohol getrunken, versicherten später seine Freunde. Überhaupt beschrieben sie ihn als „ruhig und besonnen“. Gemeinsam waren sie in dem Fanklub „Crusaders“ aktiv. Bei der Polizei, so berichten die szenekundigen Beamten, waren weder sie noch der Klub negativ aufgefallen. Auch an jenem Abend verhielten sie sich unauffällig, trugen nicht einmal fantypische Kleidung. Weder Schals noch Aufnäher, damals das Erkennungszeichen der Fanklubs. Bayer und seine zwei Freunde liefen nach dem Spiel die Camphauser Straße entlang. Sie lag an der Rückseite der großen Tribüne, die die Fangruppen von Saarbrücken und Schalke voneinander trennte.

Hinter der Tribüne befanden sich die Bushaltestellen, ein Sammelpunkt vieler Zuschauer für die Abreise. Frank Bayer geriet dort in eine Auseinandersetzung zwischen Fans beider Klubs und verlor seine Freunde aus den Augen. Flaschen und Steine flogen, Hooligans rannten los und schlugen aufeinander ein. Es war ein unheilvolles Getümmel, in das Bayer geriet.

Schlägereien vor, nach und teilweise sogar während der Fußballspiele waren in den achtziger Jahren traurige Realität, auch in der zweiten Liga. Die Gewalt war Ausdruck einer tiefen Krise des Fußballs. Die antiquierten Stadien waren selten gut besucht, und in den Kurven dominierten jene Fans, die sich an ihren englischen Vorbildern orientierten und sich Hooligans nannten. Sie brachten mitunter Gaspistolen, Messer und andere Waffen ins Stadion. Einige von ihnen pflegten Kontakte zu Rechtsradikalen oder waren selber welche. Die Grundstimmung in den Kurven war zumeist offen rassistisch. Die Hooliganszene hatte sogar ein Magazin, das damals an jeder Bahnhofshandlung erhältlich war. Der „Fan-Treff“ vernetzte die Szene deutschlandweit und gab den jugendlichen Schlägern eine Plattform, auf der sie ihre Gewalttaten verherrlichen konnten. Es blieb nicht bei Knochenbrüchen oder Gehirnerschütterungen, in dieser Zeit starben Fans.

Adrian Maleika und Mike Polley, diese beiden Namen sind im Bewusstsein der deutschen Fußballinteressierten verankert. Beide fielen bei Spielen in den achtziger und neunziger Jahren Gewaltakten zum Opfer: Der Bremer Maleika starb nach einem Überfall von Hooligans 1982 an einem Schädelbasisbruch und Hirnblutungen. Der Berliner Polley kam 1990 während der Ausschreitungen zwischen Sachsen Leipzig und dem FC Berlin durch Schüsse eines Polizisten ums Leben. Deutschlandweit war die Bestürzung groß. Noch heute gedenken Fanszenen und Vereine der Toten, die Bremer inszenierten 2013 eine riesige Choreografie mit Maleikas Konterfei.

Er gibt seiner Mutter die
Wäsche und sagt:
„Ich habe in Saarbrücken
einen weggeklatscht“

Doch es gibt einen weiteren, nahezu unbekannten Toten rund um ein Fußballspiel in Deutschland: Frank Bayer.

Im Internet findet sich nur ein kurzer Eintrag zu seinem Tod auf der Seite „Faszination Fankurve“, in Chroniken oder Büchern fehlen Berichte dazu komplett. Selbst Fans in Saarbrücken wissen darüber nichts. Fast niemand aus der deutschen Fanszene kennt den Fall. Die wenigen, die sich daran erinnern können, wollen es lieber vergessen.

Der Fall ist heikel, es geht nicht nur um die schlimmste, gewalttätigste Phase im deutschen Fußball, um das Bündnis der Schläger, das bis heute hält. Es geht dabei auch um die rechte Szene, die über den Fußball ein Netzwerk für ihre Agitation spinnt. Von damals bis heute. Der Hergang lässt sich rekonstruieren aus Hintergrundgesprächen, aus Berichten in Zeitungs- und Fanzinearchiven und der späteren Urteilsbegründung, die 11 FREUNDE vorliegt. Sie geben Antworten auf die lange vernachlässigte Frage: Was geschah am 14. September 1988?

Die Geschichte beginnt weder in Saarbrücken noch in Gelsenkirchen, sondern in Mönchengladbach, beim damals 22 Jahre alten Marco Siemert*. Er hat das Gymnasium ohne Abschluss verlassen, seine Lehre als Textilmaschinenführer abgebrochen. Siemert ist arbeitslos und wohnt noch bei seinen Eltern, die ihn aber immer wieder vor die Tür setzen, weil er Drogen nimmt und in Schlägereien verwickelt ist. Er hat sich bereits 1983 den Mönchengladbacher „Sturmtruppen“ angeschlossen. Dieser Hooligangruppe gehören Ende der achtziger Jahre 50 bis 100 Personen an. Sie versteht sich zwar in erster Linie als Schlägertruppe und nicht als politische Organisation. Doch „Nordkurve“, das Fan-Magazin der Borussia, hält seinerzeit in einem Bericht fest: „Zwischen Sturmtruppen und FAP gibt es personelle Verbindungen.“ Die rechtsextreme Partei FAP, die 1995 verboten wird, habe einen Ortsverband in Mönchengladbach, Rheydt und Krefeld, für den auch Mitglieder der Sturmtruppen verantwortlich seien, unter anderem: Marco Siemert. Er und zwei weitere Mitstreiter „haben auch ihre Vergangenheit in der Wiking-Jugend und bei den Jungen Nationaldemokraten (NPD-Nachwuchs)“.

Bei den Spielen der Borussia gerät Siemert allerdings weniger durch politisch motivierte Straftaten als vielmehr durch kriminelle Handlungen ins Visier der Polizei. Hehlerei, Anstiftung zum Raub, gefährliche Körperverletzung und Widerstand gegen die Vollstreckungsbeamten sind aktenkundig. Der Verein verhängt ein Stadionverbot gegen ihn. Im September 1988 steht er unter Bewährung wegen Diebstahls, seine Auflage: Er soll sich von der Fußballszene fernhalten. Dagegen verstößt er.

Siemert pflegt freundschaftliche Kontakte zur Schalker „Gelsen-Szene“. Beziehungen zwischen den Hoolgruppen über Vereinsgrenzen hinweg sind keine Seltenheit, gerade bei Länderspielen treten selbst verfeindete Lager gemeinsam auf. In Umfragen der Hooligan-Postille „Fan-Treff“ wird die „Gelsen-Szene“ in jenen Jahren regelmäßig zu einer der härtesten Hooligan-Gruppen Deutschlands gewählt.

Am 14. September 1988 trifft sich Siemert morgens mit den Gelsenkirchenern in einem Lokal. Gegen 12 Uhr soll er bereits vier 0,2-Liter-Gläser Bier getrunken haben. Dann fährt er mit zwei Männern und zwei Frauen im Auto zum Spiel nach Saarbrücken. Während der Fahrt habe er mit einer der Frauen auf der Rückbank „geschmust“, berichten die Mitfahrer später vor Gericht. Kurz vor Anpfiff der Partie um 19 Uhr kommt die Gruppe an. Auch sie trägt keine fantypische Kleidung. Nach dem Spiel verliert Siemert seine Mitfahrer aus den Augen, er läuft zur Camphauser Straße neben dem Stadion und wartet an der Bushaltestelle hinter der großen Tribüne auf sie. An vielen Plätzen rund um den Ludwigspark liefern sich Saarbrücker und Schalker da bereits Schlägereien. Auch an der Bushaltestelle wird es brenzlig: Etwa 50 Saarbrücker Hooligans stürmen auf Schalker zu, die klar in der Unterzahl sind, es fliegen Flaschen und Steine. Der Mönchengladbacher Siemert verteidigt die Schalker und greift sich einen Gegenstand. Er selbst spricht später von einem „morschen Ast“ aus dem Gebüsch, Zeugen von einer Holzlatte aus der nahen Baustelle oder einem Knüppel. Siemert ruft „Sturmtruppen!“ und läuft los. Er will sich und die Mönchengladbacher Szene beweisen. Es ist jene Schlägerei, in die auch Frank Bayer gerät.

Dann passiert es, ein kurzer Moment inmitten des Hin-und-her-Laufens und Schreiens, an diesem dunklen, verregneten Septemberabend. Es dauert nur wenige Sekunden. Ein Schicksalsschlag.

Fast niemand weiß
von dem Fall, Zeitzeugen
schweigen, die Akte
ist zunächst unauffindbar

Bayer wird von der Seite mit einem schweren Gegenstand am Kopf getroffen, die Platzwunde ist drei bis vier Zentimeter groß und bogenförmig. „Ich habe gesehen, wie er blutüberströmt dort lang lief“, erinnert sich einer aus der Saarbrücker Hool-Szene, der anonym bleiben will, noch heute. „Er war uns nicht bekannt, dafür war er auch zu jung. Er war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Ich glaube, es war Pech.“ Bayer kann sich noch bewegen, Freunde bringen ihn in Richtung Tribüne. Dort versorgt ihn ein Polizist der Hundestaffel und ruft einen Krankenwagen. Bayer sagt seinen Freunden und dem Polizisten, dass er von einem Schalker mit einer Holzlatte geschlagen worden sei. Beim Eintreffen des Krankenwagens ist er immer noch voll ansprechbar. Bei der Ankunft im Saarbrücker Klinikum kann er noch selbst aussteigen. Gegen 23 Uhr, knapp zwei Stunden nach der Auseinandersetzung vor dem Stadion, verliert er allerdings das Bewusstsein. Die Ärzte stellen einen Querbruch der Schädelbasis fest, eine Arterie im Gehirn ist gerissen. Sie leiten eine Notoperation ein, entlasten ein Hämatom. Am folgenden Tag treten Komplikationen auf, Bayer wird in die neurochirurgische Abteilung der Uniklinik in Homburg verlegt und dort erneut am Kopf operiert. Die Ärzte teilen gegenüber der „Saarbrücker Zeitung“ mit, dass er sich in einem „sehr ernsten, aber nicht hoffnungslosen“ Zustand befinde.

Siemert fährt nach dem Spiel mit den Schalkern zurück nach Nordrhein- Westfalen. Im Auto habe er die Schlägerei als „Super-Aktion“ bezeichnet, sagen seine Mitfahrer später. Am folgenden Tag übergibt er seiner Mutter daheim in Mönchengladbach eine Plastiktüte mit seiner getragenen Kleidung zum Waschen. Ihr fallen Blutflecken an der Jeanshose auf, wie sie später der Polizei berichtet. Sie spricht ihren Sohn darauf an. Siemert sagt ihr, dass er in Saarbrücken gewesen sei und dort „einen weggeklatscht“ habe.

Am 17. September, drei Tage nach dem Spiel, erscheinen in der „Saarbrücker Zeitung“, aber auch in der „Rheinischen Post“ und dem „Express“ in NRW die ersten Berichte. So erfährt Siemert davon, dass ein Saarbrücker Fan nach einem Schlag mit einem Knüppel oder einer Holzlatte gegen den Kopf in Lebensgefahr schwebe. Siemert soll sich da laut Zeugenaussagen bei einem Freund aus der „Gelsen-Szene“ aufgehalten und gesagt haben: „Verdammte Scheiße, dann wäre ich ja ein Mörder.“ Seine Bekannten sagen später aus, dass er aufgelöst gewesen sei und umgehend seine Mitfahrer kontaktiert habe. Falls die Polizei anrufe, sollten sie verschweigen, dass er involviert gewesen sei: „Reißt mich nicht rein!“

Er telefoniert auch mit seiner Mutter. Laut Vernehmungsprotokoll fragt sie ihn, ob er der Täter gewesen sei. Ihr Sohn antwortet: „Ich weiß es nicht.“ Die Mutter steht in Kontakt zu Siemerts Bewährungshelfer, den sie häufig um Rat fragt, heißt es in den Protokollen. Am selben Tag berichtet sie ihm von den Gesprächen mit ihrem Sohn sowie dem Blut an der Jeanshose. Sie sagt aus, „um zu verhindern, dass eventuell noch einmal etwas passiert“, so teilt die Polizei später mit. Der Bewährungshelfer setzt sich daraufhin mit der Kriminalpolizei in Mönchengladbach in Verbindung.

Derweil gehen in Saarbrücken bei der Polizei und der lokalen Redaktion anonyme Briefe ein. Darin kündigen Saarbrücker Hooligans einen Rachefeldzug gegen die Schalker beim am folgenden Samstag anstehenden Pokalspiel zwischen dem Amateurklub Saar 05 und dem S04 an. Der Zufall will es, dass Schalke zweimal innerhalb kürzester Zeit in Saarbrücken spielt. Der Öffentlichkeit ist da noch nicht klar, dass die Polizei gegen einen Hooligan von Borussia Mönchengladbach ermittelt.

Die Polizei wendet sich an den Deutschen Fußball-Bund mit der Bitte, das Spiel zwischen Saar und Schalke abzusagen. Der Verband überlegt lange. Er will sich den Ankündigungen der gewaltbereiten Fans zunächst nicht beugen, entschließt sich aber letztlich doch zu einer Absage. Der damalige Pressesprecher Wolfgang Niersbach begründet dies mit den „unzulänglichen Sicherheitsmaßnahmen“ und „Pietätsgründen“. Es ist ein weiterer bemerkenswerter Umstand, dass die Vereine und der DFB ein Spiel absagen – der Grund dafür bis heute aber in Vergessenheit geraten ist.

Am Dienstag, dem 20. September, gegen zwei Uhr, verliert Frank Bayer den Kampf ums Überleben. Todesursache: zentrales Regulationsversagen. Er wird nicht älter als 20 Jahre.

Am folgenden Tag veröffentlichen die Zeitungen in Mönchengladbach ein Fahndungsfoto von Siemert. Gegen ihn wurde Haftbefehl wegen Totschlags erlassen. Die Polizei bittet um „Hinweise, wo sich der Verdächtige aufhält“. An seinem Wohnsitz, also bei seinen Eltern, finden ihn die Ermittler nicht. Am Donnerstag, dem 22. September 1988, stellt sich Siemert am frühen Nachmittag mit seinem Anwalt der Polizei in Mönchengladbach. Er geht in Saarbrücken in Untersuchungshaft.

Der Prozess beginnt erst am 24. Januar 1990. Es gibt elf Verhandlungstage, 40 Zeugen werden gehört. Die Mutter des Angeklagten macht von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Die „Saarbrücker Zeitung“ schreibt während des Prozesses von einem „Festival der Erinnerungslücken“, auch der Angeklagte widerspreche sich oft. Er wirke „adrett, eher wie ein netter Nachbarsjunge“. Die Zeugen haben jemanden gesehen, der zuschlug, konnten aber Siemert nicht als Täter klar identifizieren. Er selbst bestreitet die Tat. Doch seine widersprüchlichen Aussagen lassen das Gericht an seiner Glaubwürdigkeit zweifeln. Er sagt, dass er nie näher als 15 Meter an die Gruppe herangetreten sei. Ein Mitstreiter aus Gelsenkirchen widerlegt dies mit seiner Aussage. Den Ast habe er nur geworfen, so Siemert. Das Wort „weggeklatscht“ gehöre zu der Sprache der Szene. Der Staatsanwalt fordert acht Jahre Haft und begründet dies auch mit der „Generalprävention“ gegen Gewalttäter beim Fußball. Am 12. März 1990 ergeht das Urteil: Siemert wird wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu einer Freiheitsstrafe von viereinhalb Jahren verurteilt.

„Für die Überzeugung der Kammer war letztlich dessen Nachtatverhalten, insbesondere nach Kenntnisnahme der Zeitungsberichte entscheidend“, heißt es im Urteil, das sich auf eine „Vielzahl von Indizien“ stützt. Entscheidend für den Richter ist unter anderem die Aussage des Angeklagten gegenüber seiner Mutter, „in Saarbrücken einen weggeklatscht“ zu haben. Ebenso der Umstand, dass er auf seine Mitstreiter eingewirkt haben soll, ihn nicht „reinzureißen“. Der Richter sagt, es gebe ,„keinerlei Hinweis auf einen möglichen anderen Täter“ und „keine vernünftigen Zweifel an der Täterschaft des Angeklagten“. Er habe vorsätzlich gehandelt, dazu grob fahrlässig den Tod des Opfers herbeigeführt. Strafmildernd wirkt sich aus, so das Gericht, dass der Angeklagte zufällig nach Saarbrücken gereist sei und sich später gestellt habe. Der Angriff sei von Saarbrückern ausgegangen, zudem erwähnte das Gericht Faktoren wie den Alkoholeinfluss und die Gruppendynamik.

„Patriotisches
Menschenmaterial" - der
Verurteilte ist einer
der „HoGeSa"-Initiatoren

Der Staatsanwalt kann sich heute, 27 Jahre nach der Tat, nicht mehr an die Details des Falls erinnern. Der Richter ist verstorben. Der Verteidiger von Siemert, Rechtsanwalt Winfried Meyer, sagt heute: „Ich habe es damals für möglich gehalten, dass die Verletzungen durch einen anderen Täter hervorgerufen wurden.“ Die Schwurgerichtskammer habe sich auf Siemert versteift, weil er „diese verhängnisvolle Erklärung abgegeben hatte, er habe in Saarbrücken einen weggeklatscht“. Für einen weiteren Täter ergaben sich aber „keine belastbaren Anhaltspunkte“. Nach dem Prozess nimmt die Geschichte eine weitere kuriose Volte: Der Saarbrücker Hooligan Frank Render* sitzt zeitgleich mit Siemert im Gefängnis in Saarbrücken, so berichten es Polizeibeamte. Die beiden müssen sich am Tatabend in der Schlägerei hinter der Tribüne noch gegenübergestanden haben. Im Gefängnis allerdings freundet sich Render mit Siemert an, obwohl dieser wegen des Totschlages eines Saarbrücker Fans verurteilt worden ist. Siemert soll Render gegenüber weiterhin seine Unschuld beteuert haben.

In der Szene in Gelsenkirchen gibt es Gerüchte, wonach Siemert zu Unrecht verurteilt worden sei. Doch von den Beteiligten will es keiner direkt ausführen, Mitglieder der „Gelsen-Szene“ sagen auf Nachfrage ohne Zögern wahlweise, dass sie nie in Saarbrücken gewesen seien oder nie etwas von diesem Vorfall gehört hätten. Einer jedoch wird deutlicher: „Zu Saarbrücken wird dir nie jemand auch nur ein Wort sagen.“ Hooligans pflegen ohnehin ihre ganze eigene Omerta und ihren Korpsgeist. Doch in diesem Fall reagieren sie fast alarmiert, sie blocken selbst bei der leisesten Andeutung. Den Fall umgibt noch immer eine Mauer des Schweigens.



Siemert selbst will sich auf Nachfrage von 11 FREUNDE nicht äußern. Die Zeitzeugen wollen entweder gar nichts sagen oder nicht namentlich genannt werden. Für die Staatsanwaltschaft Saarbrücken ist die betreffende Akte auf erste Nachfragen hin nicht auffindbar. Sie taucht erst nach fünf Monaten doch noch plötzlich auf. Kurz: In Deutschland stirbt ein Mensch bei einem Fußballspiel, fast keiner kann sich mehr daran erinnern, sämtliche Dokumente fehlen zunächst.

Schon in den Zeitungen von damals wird der Fall nur sporadisch behandelt, meist nur auf den Lokalseiten oder in kurzen Meldungen. Saarbrücken am Rande Deutschlands wird von der Fußball-Öffentlichkeit nur bedingt wahrgenommen, zudem ist der Fußball noch nicht das Massenphänomen von heute. Der Besuch der Spiele ist eher verpönt, gilt als zu gefährlich. Zum Spiel in Saarbrücken kommen damals gerade einmal 4100 Zuschauer. Ein langjähriger Stadiongänger, der heute in einem Fanprojekt arbeitet, sagt: „Das war eine Zeit des Wahnsinns. Eigentlich ist es schon fast ein Wunder, dass es nicht mehr Tote gegeben hat.“ Der Fußball entwickelt sich weiter, zum gesellschaftsfähigen Phänomen, zum sicheren Erlebnis, teilweise zum Event. Viele dunkle Kapitel der Vergangenheit werden dabei ignoriert und verdrängt, der Todesfall von Saarbrücken gehört dazu.

Siemert blieb in den Jahren nach seiner Haftentlassung unauffällig. Beobachter der Gladbacher Fanszene sagen, dass er bei den Spielen der Borussia selten in Erscheinung trete. Allerdings wurde er in den vergangenen Jahren bei anderen Versammlungen außerhalb der Stadien aktiv. So nahm er an den Treffen der „GnuHonnters“ teil, einer Vereinigung von Hooligans. „GnuHonnters“ steht dabei für „New Hunters“ (Neue Jäger). „Spiegel online“ berichtete im November 2013 erstmals über den Zusammenschluss von Hooligans, unter ihnen auch Rechtsextreme. Es soll sich dabei um 17 Hooligangruppen aus ganz Deutschland handeln, die zwar nicht homogen rechtsradikal sind, aber vor allem gegen linksorientierte Ultras im Stadion vorgehen wollen. Im Frühjahr 2014 verkündete Siemert seinen Austritt aus der Gruppe. Er war da schon eine treibende Kraft hinter einem anderen Zusammenschluss, der in der Folge deutschlandweit für Schlagzeilen sorgte: „Hooligans gegen Salafisten“. Die Gruppe vernetzte sich ab Frühjahr 2014 in der gesamten Republik über das geheime Facebook-Forum „Weil Deutsche sich’s noch trau’n!“, dessen Einträge 11 FREUNDE vorliegen. Siemert war einer der ersten Administratoren. In einem Beitrag schrieb er: „Ziel müsste es sein, eine ähnlich druckvolle Bewegung wie die EDL zu schaffen.“ Gemeint ist die „English Defence League“. Immer wieder schwärmte Siemert von ihr.

Die EDL entstand 2009 aus einem islamfeindlichen Zusammenschluss im englischen Luton zwischen Rechten und Hooligans, auf Facebook erreichte die Gruppe 180 000 Likes. Immer wieder gingen von ihr rassistisch motivierte Übergriffe aus. Anders Breivik, der Attentäter von Oslo, nahm in seinem Manifest häufig Bezug auf die EDL und lobte ihr Vorgehen.

Siemert sprach im Forum von „patriotischem Menschenmaterial mit Ehre, Mut und Kampfgeist“ und beschwor den „Kulturkampf“ gegen den Islam. Diese Leute müssten „bekämpft“ werden. „Das Gleiche gilt für die Roma. Eigentlich für jede nicht anpassungswillige und/oder -fähige Kreatur hier.“ Er rief zu einem städteweisen Vorgehen und dann zu deutschlandweiter Vernetzung auf. Die Gruppe „Hooligans gegen Salafisten“ trat öffentlich erstmals am 8. Februar 2014 in Mönchengladbach in Erscheinung, 150 Personen wollten gegen eine Kundgebung des Salafisten Pierre Vogel vorgehen. Nach weiteren Zusammenkünften in Mannheim, Essen und Dortmund randalierten mehrere tausend Teilnehmer am 26. Oktober in Köln. Der Saarbrücker Hooligan Frank Render, den Siemert im Gefängnis kennengelernt hatte, reiste ebenfalls an. Er trug eine Jacke mit der Aufschrift „HoGeSa Saarland“.

Nach internen Streitigkeiten um die Finanzen und das Merchandising spaltete sich eine Gruppe von „HoGeSa“ ab, darunter Siemert und rechte Hooligans aus Bremen und Dortmund. Sie gründeten am 3. Januar 2015 den Verein „Gemeinsam stark e.V.“. Siemert erklärte in einem Facebook-Post, dass hinter der Gruppe „alle Hooligan Gruppen Westdeutschlands“ stünden, „4500 Personen“, „die ganze deutsche Oldschool Szene“. Doch weite Teile der Hooliganszene mieden ohnehin von Beginn an „HoGeSa“, ihnen war dabei zu viel Politik im Spiel, zu viel Aufmerksamkeit, zu große Öffentlichkeit. Das gilt auch für die „GnuHonnters“: Zwar seien Einzelpersonen in beiden Gruppierungen aktiv gewesen, wie das LKA in Nordrhein-Westfalen auf Nachfrage erklärt, auf der „Führungsebene“ habe es aber keine personellen Überschneidungen gegeben.

Was aber die Zusammenschlüsse von Hooligans – ob GnuHonnters oder HoGeSa – eint, ist die Sehnsucht der Schläger nach der alten Zeit. Die Hooligans mögen zwar aus dem Zentrum der Fanblöcke mehr und mehr verschwunden sein, aus den Stadien haben sie sich nie ganz zurückgezogen und sogar in vielen Fanszenen weiter den Ton angegeben. Sie haben sich ihren Korpsgeist und ihre Netzwerke bewahrt, sie durch die sozialen Medien sogar noch intensiviert. Viele verstehen sich als Bürgerwehr, die gerade nach den Silvester-Vorfällen in Köln ihre eigene Vorstellung von Ordnung umsetzen will. Sie glorifizieren dabei die Zeit der achtziger Jahre, eine Zeit der Selbstjustiz und des Faustrechts, als sie sogar während der Spiele Jagd auf andere machen konnten. Als Stadien rechtsfreie und gefährliche Räume waren. Und als ein toter Fußballfan nur eine Nachricht im Lokalteil war.